Im Juli 2001 mit dem Motorrad, im Juli 2002 zunächst mit dem
Motorrad und dann im August mit dem Auto durch Frankreich - das
waren Fahrten, in denen die Neugier auf unseren großen Nachbarn
erst richtig geweckt wurde. Sonne, laissez faire, schöne
Landschaften, freundliche Menschen, Wind um die Nase und viele,
viele Stunden auf dem Motorrad - das wollte ich auch in diesem
Jahr haben. Vom 29. Mai (Christi Himmelfahrt) bis zum 6. Juni 2003
war ich darum unterwegs; 9 Tage und 8 Nächte. Aber in diesem Jahr
wollte ich Frankreichs Norden abklappern. Und dort gibt es Eines
nicht - eine Garantie für sonniges Wetter.
Tatsächlich hatte ich, während die Menschen im
"fernen" Deutschland im heißesten und trockensten Juni seit dem
Beginn der Wetteraufzeichnungen litten, in 6 von 8 Nächten Regen.
In einer Nacht, schon wieder tiefer im Süden, habe ich gleich zwei
Gewitter aushalten müssen. Am nächsten Morgen stand das Wasser
mehrere Zentimeter hoch im Rasen. Aber bereits am Nachmittag habe
ich mir in nur zwei Stunden (ohne Handschuhe gefahren) einen so
heftigen Sonnenbrand an den Händen eingefangen, dass ich ab dem
darauf folgenden Tag ohne Handschuhe fahren MUSSTE.

Meine Route hat mich zunächst entlang der
belgisch-französischen Grenze an die Kanalküste geführt. Von dort
aus ging es konsequent an der Atlantikküste entlang, bis hinunter
zum Kap Feret.Auf meiner Route lagen berühmte Städte wie
Dünkirchen, Calais, Le Havre, Mont St. Michel, Saint Malo, Brest,
Nantes, Carnac - und auf dem Rückweg Cognac und Paris. 4.162 km
Spaß, Bilder, Motorradfahren - und am Ende das sichere Gefühl,
noch mehrmals wieder hinzufahren. Frankreich ist eben einfach
schön.
An der Kanalküste - und nicht nur dort - begegnet
der Reisende auf Schritt und Tritt den Zeugen der älteren und
jüngeren Geschichte Frankreichs. Bunkeranlagen, wie hier in
Dünkirchen, die unsere deutschen Vorfahren dort hinbetoniert
haben, stehen wie selbstverständlich in der Landschaft herum, im
Schutz der Dünen, direkt neben einem Campingplatz. Warum auch
nicht. Das ist sicher ein sehr solides, gleichmäßig kühles Lager.
Die Franzosen sind in solchen Dingen viel pragmatischer als wir.
Die Gedenkstätten an Omaha Beach und Utah Beach
werden natürlich sehr gepflegt. Und der amerikanische Schrott, der
dort allerorten zu "bewundern" ist, wird gebührend bestaunt - von
den Amis und den Tommys, die anscheinend nicht nur ihre aktuelle
Identitätskrise durch eine Flucht in die Vergangenheit zu
bewältigen trachten. Die pfiffigen Franzosen haben ihre ersten
Hinweisschilder auf "Camping de Omaha Beach" bereits in der
Bretagne stehen. Und an fast bei jedem alten, zerschossenen Panzer
steht gleich eine Pommesbude. Amis und Tommys gehen ihrem
Heldenkult nach, und Fritze sehen zu, dass sie solche Orte
möglichst bald hinter sich lassen.
Ich wüsste auch nicht, was es hier zu bestaunen
oder gar zu bewundern gibt. Von den vielen Menschen, die hier von
ihren Generälen - hüben wie drüben - in den Tod geschickt wurden,
war Niemand ein Held. Das Andenken an die furchtbaren Kriege nutzt
aber nichts, wie die jüngeren, kriegerischen Ereignisse allzu
deutlich zeigen.
Darum habe ich meine Photos flugs "von außen"
gemacht, beinahe im Vorbeiflug, um mich endgültig der
Atlantikküste zu widmen.
An den Stränden längs der Kanalküste findet man
nicht nur in den Marinas ganz hervorragende Toilettenanlagen. Als
"Wandervogel", ohne festen Anlaufpunkt, lernt man Solches schnell
zu schätzen. Und wenn sowohl die Strände, als auch die
Toilettenanlagen saisonbedingt leer sind, dann ist das ein Grund
mehr, möglichst dicht "unter der Küste" entlang zu schaukeln und
Frankreich zu genießen.
Das Wetter wurde am zweiten Tag auch richtig gut.
Es war sonnig, aber nicht heiß. Wolken und heller Sonnenschein
wechselten einander ab; gerade in dem Rhythmus, der bei einer
Spazierfahrt weder ein Frösteln aufkommen lässt, noch zu
Schweißausbrüchen führt.
Man fährt nicht schnell "am Wasser entlang". Ich
war einige Tage jeweils gute 10 Stunden auf der Maschine; und habe
trotzdem gerade einmal 300 km fahren können. Es gibt einfach
ungeheuer Vieles zu sehen. Der Hafen von Fecamp ist so etwas
Sehenswertes; jedenfalls für eine Landratte wie mich.

Damit die großen und kleinen Boote bei dem
riesigen Gezeitenhub (bei Mt.St.Michel bis zu 14 m!) nicht
allesamt trocken fallen, haben die Menschen sich in vielen Häfen
mit einer Mauer geholfen. Innerhalb der Mauern wird das Wasser bei
Ebbe mindestens so hoch gehalten, dass auch die längsten Kiele
noch die berühmte handbreit Wasser unter sich behalten. Außerhalb
der Mauern muss man bei Ebbe laufen; kilometerweit.
Es braucht einiges, wenn man sich "satt sehen"
will. Die Küste der Normandie ist lang, wunderschön, an vielen
Stellen verträumt (jedenfalls außerhalb der Feriensaison) und
voller Einladungen zur nächsten Rast.